Nytt om runer

Eine neue Runeninschrift in den Niederlanden: Bergakker


Am 12. April 1996 fand ein Amateurarchäologe einen Schwertbeschlag aus vergoldetem Silber in Bergakker bei der Stadt Tiel in den Niederlanden. Als Archäologen die Fundstelle untersuchten, fand man weitere Metallgegenstände, die zum Teil beschädigt oder gar schon umgeschmolzen waren. Vermutlich handelt es sich bei diesem Fundort daher um eine Art Umschmelzungswerkstatt für alte Metallgegenstände. Der Schwertbeschlag trägt Runen und wird vom Archäologen A. V. A. J. Bosman in die Zeit um 400 datiert. Die Runeninschrift dürfte somit die älteste in den Niederlanden sein. Außerdem weist sie keine Spuren der anglo-friesischen Runen auf (vgl. die h-Rune mit einem Querstrich).

Die Inschrift enthält einige atypische Runenformen. Wenn X für die eine dieser Formen steht, kann die Inschrift so transkribiert werden (mit unsicheren Lesungen in Klammern und Bindrune mit ^ bezeichnet):

ha(þ)XþX(w^a)s:ann:kXsjam:/:logXns:

Das dritte Zeichen in der Inschrift sieht aus wie eine mißlungene þ-Rune (eigentlich wie eine n-Rune in der Kurzzweigvariante), während Zeichen 7 eine Mischung von w- und a-Rune und daher vielleicht eine Bindrune w^a zu sein scheint. Das Auffälligste an dieser Inschrift aber ist das viermals vorkommende Zeichen, das hier mit X transkribiert wird. Es sieht aus wie ein 'V' mit doppelten Linien und wurde bisher nirgendwo in einer Runeninschrift gefunden. Die Position in den "Wörtern" der Inschrift, nämlich zwischen sicheren Konsonantzeichen, läßt vermuten, daß man es mit einem Vokalzeichen zu tun hat. Da sowohl die a- wie die o-Rune in der Inschrift vorkommen und wohl kaum die i-Rune gemeint sein kann, muß es sich um eine Variante der e- oder u-Rune handeln. Tineke Looijenga, die erste Herausgeberin, las eine e-Rune und gab den Text so wieder: haþeþew^as:ann:kesjam:logens:. Das ergibt eine Genitivform des Substantivs urn. -þewaR 'Diener', aber ein problematisches <e> im Substantiv haþu- 'Kampf'. Auch die weiteren Wortformen bleiben unsicher. Eine Interpretation als kesja 'Schwert' oder als Wörter unter lateinischem Einfluß (Bosman und Looijenga, "A Runic Inscription from Bergakker (Gelderland), The Netherlands", Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik 46 (1996), 9-16) scheint wohl kaum möglich.

Eine andere Möglichkeit wäre die Interpretation als u-Rune mit doppelten Linien, wie auch die s-Rune die ersten zwei Male mit doppelten Linien geschrieben wurde. Man müßte dann allerdings annehmen, daß es sich um eine Sturzrune, vielleicht unter lateinischem Einfluß ('V')?, handelt. Die Lesung wird dann haþuþuw^as:ann:kusjam:/:loguns:. Damit ist aber die schöne Anknüpfung an urn. þewaR verlorengegangen, wenn man nicht annehmen will, daß ein Ritzfehler (þuþu statt þuþe) vorliegt. Dennoch scheint diese Interpretation sinnvoll zu sein: Die Runenfolge ann kann zum Verb *unnan 'gönnen, liebhaben' gehören. Dieses Verb regiert den Genitiv der Sache und den Dativ der Person. Die Formen kusjam und loguns sehen formell wie ein Dativ bzw. Genitiv aus. Über die genaue Interpretation dieser beiden Wörter ist aber noch nicht das letzte Wort gesagt. Man könnte bei kusjam vielleicht an eine Ableitung vom Verb germ. *keusan- 'wählen' denken, und bei loguns könnte man eine Verbindung mit der Wurzel germ. *log-/*lug-/*leug- 'Flamme' (in übertragener Bedeutung 'Schwert') vermuten. Im letzten Fall hätte man somit eine Beziehung zum Gegenstand, auf dem die Runen stehen. (Siehe auch Arend Quak, "Eine neue Runeninschrift - neue Probleme", Studia anthroponymica Scandinavica 15 (1997), 39-48.)

Ein weiterer interessanter Aspekt der Inschrift von Bergakker ist, daß sie deutlich in einem römischen Kontext steht. Das militärische Ausrüstungsstück ist römischer Herkunft, so daß es nahe liegt anzunehmen, daß der Runenritzer ein Germane in römischem Dienste war. Gerade das vierte Jahrhundert kennt eine starke Germanisierung der römischen Armee und das könnte diesen Schwertbeschlag erklären. Eine andere Möglichkeit ist, daß der Text auf ein Beutestück eingetragen wurde. Die Sprache wäre im ersten Fall nur "Germanisch", im zweiten Fall - mit einem lokalen Besitzer - eine westgermanische Mundart.

Arend Quak
Instituut voor Oudgermanistiek van de Universiteit van Amsterdam
Spuistraat 210, Postbus 19188
NL-1000 GD Amsterdam


Editor's Note on the New Find from Bergakker

Tineke Looijenga writes in an e-mail concerning Arend Quak's article about the Bergakker inscription that much of the information there comes from the initial publication which she co-authord and is incorrect. The area has not been examined by professional archaeologists; the date should be 425 or soon thereafter; the context is provincial Roman, i.e. Frankish; the piece was never used and may have been an offering to the goddess Hurstrga. She reads the third rune as l now and translates the inscription: "Possession of Haleþewaz; he grants (the) swordfighters swords". See Tineke Looijenga, Runes Around the North Sea and on the Continent AD 150-700: Texts and Contexts (doctoral dissertation; Groningen, 1997), 188-92.


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